Züchter-Gewissen oder „Man kann es eigentlich nie richtig machen“

 

Ich kenne keinen Hunde-Züchter, der von jetzt auf gleich beschloss: „Jetzt schaffe ich mir Hunde an und züchte diese!“ Alle Züchter waren vorher einfache (oder auch zweifache) Hundehalter.

 

So beginnt man oftmals erst nach einiger Zeit, wenn man einen Rassehund hat, der besonders schön ist und außerdem liebevoll, verschmust und verspielt, darüber nachzudenken, wie schön es doch wäre, von diesem Hund einmal Nachwuchs zu haben. Man möchte die Faszination der Geburt erleben, anderen Menschen die Rasse nahe bringen und denkt immer sehnsüchtiger an die knuffigen kleinen Welpen. Irgendwann, nachdem der Gedanke nicht mehr wegzuschieben ist, bereitet man sich darauf vor, doch selbst zu züchten. Man stellt seinen Hund dem Tierarzt vor. (Ist man in einem Zuchtverein, müssen die Auflagen des Vereins noch erfüllt werden. Ausstellungen sind zu besuchen,  gesundheitlicheTests sind zu machen, der Zwingername muss beantragt und geschützt werden, die Haltungsbedingungen werden geprüft - sowohl vom Zuchtwart als auch vom Veterinäramt). Dann schaut man sich nach einem passenden Zweit-(oder Dritt-) Hund um und wird sicher irgendwann fündig. Auch für ihn müssen alle v. g. Schritte vollzogen werden. Erst wenn alles „passt“, kann man nun mit der Zucht beginnen. Oftmals dauert das relativ lange, bis man endlich „loslegen“ kann.

Hat man dann das erste Mal einen Wurf Welpen, so ist man noch sehr unsicher. Unsicher bei der Geburt, unsicher mit den Welpen – bis die groß genug und „über den Berg“ sind, vergeht ja auch eine geraume Zeit. Dann ist man unsicher beim Ausarbeiten der Kaufverträge, denn man möchte ja, dass es einerseits dem Hund gut geht und man andererseits einen fundierten Vertrag vorlegt, den beide Vertragspartner mit reinem Gewissen unterschreiben können. Weiterhin ist man unsicher bei der Verhandlung mit den potentiellen Käufern, denn schließlich kann man keinem Menschen in den Kopf hineinsehen und seine Gedanken lesen.

Am meisten ärgert es einen Züchter, wenn er Anfragen postwendend beantwortet hat, sehr viele Mails hin und her gegangen sind, Telefonate lang und ausführlich geführt wurden, er viele Bilder und vielleicht auch Videos geschickt hat und ... nachdem vielleicht schon ein Termin zur Besichtigung vereinbart wurde ... kommt eine Absage, denn plötzlich haben "sich die Umstände geändert". Schlimmer noch: zum vereinbarten Besichtigungstermin erscheint einfach keiner und ruft noch nicht einmal an!

Werden die Welpen dann abgeholt, reißt es einem Züchter anfangs fast das Herz heraus. Der erste Wurf ist sowieso immer etwas ganz Besonderes. Man weiß genau, dass man äußerst selten diese kleinen Zwerge, deren Wohlergehen man mindestens acht Wochen lang, vierundzwanzig Stunden am Tag, überwacht hat, wieder sehen wird. Manch einen von diesen kleinen Schätzchen hat man auch ganz besonders ins Herz geschlossen, vielleicht weil er auf Schritt und Tritt gefolgt ist oder seine kleine Zunge pausenlos geleckt hat, wenn man die Hände ausstreckte.

 

 

Und dennoch wird es immer wieder passieren, dass ein Züchter von anderen angegriffen und verurteilt wird:

Hat man als Züchter nur wenige Hündinnen und einen Rüden, ist man ein „Vermehrer“, der immer wieder die gleichen Verpaarungen wiederholt und damit die Rasse bezüglich des Genpools nicht „bereichert“. Hat man aber viele Hunde, ist man ein verantwortungsloser Massenzüchter und will damit nur „das schnelle Geld“ machen.

Gibt man einen aus der Zucht genommenen Hund ab (und suche ihm ein schönes Plätzchen für seinen wohlverdienten Ruhestand), ist man eiskalt und hat eine Hunde-Durchlauf-Station. Behält man aber die Hunde, hat man Alibi-Hunde und wer weiß … vielleicht züchtet man mit diesen ja doch noch und „schiebt die Babys“ anderen unter?

Hat man als Züchter mehrere Rüden und separiert diese gelegentlich (Gründe dafür gibt es zuhauf), hat man eine schlechte Rudel-Haltung und keine Ahnung vom Sozialverhalten der Tiere. Sind aber mehrere Rüden da und separiert man diese nicht, ...“wer weiß, von wem die Welpen wirklich sind?“

Geht man mit seiner Hündin zum Fremddecken, dann drückt man die Probleme der Haltung eines Rüden dessen Besitzer auf, scheut die Anschaffungskosten und … „wer weiß, was das für einer ist, den bekommt man ja nicht zu Gesicht.“ Hat man selbst einen Rüden, der in Abständen die eigenen Hündinnen decken darf und gibt ihn vielleicht noch zum Fremddecken frei, dann schadet man dem Rüden und beutet ihn aus (die einschlägige Literatur dazu, die genau das Gegenteil sagt und nachweist, dass diese Rüden deutlich gesünder sind als ihre Artgenossen, die jegliche Potenz unterbunden bekommen, wird dabei völlig ignoriert). Gibt man aber den Rüden zum Fremddecken nicht frei, will man das gute Genpotential des Rüden nicht teilen.

Kommt ein potentieller Käufer ins Haus und hat dieses Gebrauchsspuren von den Hunden, dann hat man eine dreckige, unsaubere Zucht, ganz besonders, wenn es vielleicht etwas nach dem Rüden riecht (der leider gern markiert, wenn eine Hündin heiß ist und das natürlich immer dann tut, wenn man mal gerade nicht hinschaut!). Sieht man aber keine Gebrauchsspuren und riecht man vielleicht auch nichts, dann sperrt man bestimmt die Hunde einzeln weg und ist demzufolge ein Tierquäler, der die Hunde nicht artgerecht hält.

Hatte man einmal gesundheitliche Probleme bei einem der Hunde oder bei den Welpen und redet man darüber, heißt es: “Finger weg, diese Zucht ist verseucht!“ Redet man aber nicht darüber, dann ist einem … „die Gefahr für den künftigen Hundebesitzer völlig egal.“ Gab es in der Zucht irgendwann einmal einen Welpen, der krank wurde, ist es einem „egal, denn das macht der immer so“ und alle Welpen und Hunde aus dieser Zucht sind „sowieso krank“. Nimmt man einen solchen kranken Hund nun wieder zurück und bringt ihn bei sich selbst unter, dann handelt man „verantwortungslos gegenüber den eigenen Hunden und deren Nachwuchs … und wer weiß, vielleicht betreibt man nun sogar Inzucht mit dem kranken Tier?“ Nimmt man den Hund aber nicht zurück, um Risiken für die anderen Tiere auszuschließen, dann ist es einem „egal, wie es der Nachzucht geht.“

Wenn man als Züchter keine Welpen in eine andere verantwortungsvolle Zucht verkauft, dann bringt man den Genpool der Rasse nicht voran. Gibt man aber auch an andere Züchter gute Welpen ab, dann leiste ich der „Massen-Vermehrung“ Vorschub.

Hat ein Züchter eine – wie auch immer zustande gekommene - schlechte Meinung von einem anderen Züchter, ist dessen Zucht sowieso nichts wert und es wird kein gutes Haar an ihm gelassen. Verstehen sich aber Züchter sehr gut und tauschen regelmäßig Erfahrungen aus oder lassen sogar ihre geprüften Hunde untereinander fremd decken, um vielleicht besonders gute Eigenschaften heraus zu züchten, dann sind sie natürlich eine verschworene Gemeinschaft, die wer weiß was ausheckt und sicher die Leute an der Nase herumführt.

Besucht man als Züchter ungern oder gar nicht Hunde-Ausstellungen (weil das zum Beispiel der pure Stress ist für die Hunde), dann ist man ein Hinterhofzüchter und „hat Angst vor den sicherlich negativen Bewertungen der Zuchtrichter.“ Besucht man mit seinen Hunden aber regelmäßig Ausstellungen, dann ist man anerkennungs- und pokal-süchtig. Gibt man als Züchter Ausstellungsresultate bekannt, dann will man nur angeben und den Preis für die Welpen in die Höhe treiben. Gibt man aber keine Bewertungen bekannt, hat man „definitiv nur kranke oder hässliche Welpen, die dem Rasse-Standard nicht entsprechen.“

Verkauft man die Welpen teuer, ist man ein „Wucherer, der sich auf Kosten der Hunde und deren Gesundheit nur bereichern will.“ Verkauft man die Welpen billig, hat man „Wühltischwelpen aus einer schlechten Zucht mit schlechten Haltungsbedingungen“ und man macht die Preise kaputt.

Formuliert man als Züchter mehrseitige Verträge, die ganz besonders auch die Haltungsbedingungen mit einschließen, hat man einen „Knebelvertrag“ verfasst. Verzichtet man auf besondere Vereinbarungen dieser Art, ist man „skrupellos“ und „interessiert sich nicht für die künftige gute Haltung des Hundes.“

Gibt man als Züchter sein Wissen über die Rasse und eine gute Haltung und Erziehung weiter, ist man ein Angeber und Besserwisser. Tut man das nicht, ist man egoistisch und es ist einem „sowieso egal, wie der (künftige Besitzer) mit dem Hund klarkommt.“

Hat ein Züchter mal zwei Würfe hintereinander mit einer Hündin, weil er die ersten Anzeichen ihrer Hitze verpasst hat oder sie gar eine weiße Hitze hatte (bei der man keine Blutung sieht), dann ist er verantwortungslos und beutet seine Hündin aus. Er ist gezwungen, die Welpen ohne Papiere zu verkaufen, auch wenn er in einem Verein ist, da die Vereinsregeln es so bestimmen. Dabei macht sich keiner Gedanken, dass es nur beim Hund derartige Vorgaben gibt und die Welpen aus diesem „versehentlichen“ Wurf genauso gesund und fit sind wie ihre Geschwister. In Zoos sind Rudeltiere ständig zusammen und jeder Nachwuchs ist willkommen (trotz der eigentlich nicht artgerechten - weil beengten - Haltung / wobei natürlich auch hier Inzuchten verhindert werden, es sei denn, sie sind gewünscht). Die Besucher freuen sich an den Jungtieren und keiner redet von „Ausbeutung und Massenzucht“.

 

Eigenschaften eines guten Züchters:

Ein guter Züchter verschafft sich ständig neues Wissen. Er liest einschlägige Literatur, schaut entsprechende Fernseh-Sendungen, hat intensive Gespräche mit dem betreuenden Tierarzt und befreundeten Züchtern und informiert sich über das Internet. Er trifft seine Entscheidungen mit Herz und Verstand, auch wenn ihm nicht alle Entscheidungen angenehm sind.

Der Züchter opfert einen großen Teil seiner Freizeit und seiner persönlichen und familiären Interessen – den Hunden zuliebe. Er investiert viel Geld, opfert kostbares Wohninventar und auch Freundschaften. Er tauscht eine schöne Familien-Ferienreise gegen „Urlaub im eigenen Garten“, weil gerade ein Hund unpässlich ist, eine Geburt bald bevorsteht oder Welpen zu betreuen sind.

Ein Züchter opfert in regelmäßigen Abständen seinen Schlaf und hat dafür mehrere Tage hintereinander einen 24-Stunden-Dienst, wenn es einem seiner Hunde nicht gut geht, eine Geburt bevorsteht oder Welpen aufgepäppelt werden müssen.

Bei der Geburt fiebert er bei jedem Welpen mit, nimmt ihn der Mutter weg, wenn sie nicht schnell genug die Eihülle aufreißt, damit der Welpe Luft bekommt, nabelt die Kleinen ab, damit sie nicht versehentlich durch die Mutter zu kurz abgenabelt werden und es dadurch zum Ausbluten der Welpen oder einer Nabelinfektion kommt.

Es ist ihm egal, wie glibberig ein Welpe nach der Geburt noch ist, wenn es darum geht, ihm das Leben zu retten. Er setzt seinen Mund auf des Mäulchen des Welpen und saugt ihm die Flüssigkeit aus der Lunge. Dann beatmet er es und rubbelt es immer und immer wieder, um den Kreislauf anzuregen und restliche Flüssigkeit aus der Lunge zu bekommen. Wenn der kleine Wicht dadurch ins Leben zurück findet, ist es das größte Glück für das Herz des Züchters. Schafft er es nicht, trauert er um jedes dieser kleinen Geschöpfe und hat immer wieder Tränen in den Augen.

Im Anschluss an eine Geburt überwacht er jede Befindlichkeit des Muttertieres und jedes intensive Quietschen der Welpen. Er kontrolliert in regelmäßigen Abständen das Gesäuge der Mutter, ihren Lochialfluss und ihre Temperatur und er wiegt täglich (anfangs auch mehrfach täglich) die Welpen und schiebt die zarteren an die gut gefüllten Zitzen, damit sie eine gute Chance bekommen. Wenn er sieht, dass ein Kleines seinen Darm entleert, hält er den Welpen der Mutter hin oder beseitigt es selbst.

Der Züchter läuft ständig mit fransigen Hosen oder Löchern in den Hosen herum und auch mit bekleckerten, verfleckten T-Shirts. Dass sich einige Leute darüber lustig machen, stört ihn nicht. Er hat sich damit abgefunden, dass kleine Welpen gern ihre Zähnchen benutzen und an seinen Hosenbeinen rupfen, ihn in die Füße oder Schuhe beißen und beim Hochnehmen kleine Tapsen am Shirt hinterlassen.

Dass des Züchters Mobiliar Spuren kleiner Zähnchen trägt, dass er regelmäßig Teppiche, Laminat oder Parkett neu kaufen und verlegen lassen muss, weiß er bereits nach seinen ersten Würfen. Selbst beim Mobiliar achtet er nicht mehr darauf, auch wenn er vorher Omas antike Vitrine oder Opas Biedermeier-Möbel sehr in Ehren gehalten hat.

Rücken und Knie eines Züchters schmerzen oft heftig vom Knien vor der Wurfkiste und dem stundenlangen Darüber-Beugen. Sein Puls rast während der Geburt und dennoch darf er sich nichts anmerken lassen und muss seiner Hündin Ruhe und Gelassenheit vermitteln. Seine Hände dürfen nicht zittern, damit die Hündin seine Aufregung nicht bemerkt oder er nicht versehentlich einen Welpen beim Durchtrennen der Nabelschnur verletzt.

Der Züchter hat starke Arme und einen aufmerksamen Blick, denn er kann die Welpen zurückhalten, damit sie nicht in ihre Hinterlassenschaften tapsen, dabei gleichzeitig wischen oder einen Welpen „vor dem Ertrinken im Wassernapf“ retten, während er die Familie bittet, ihm neue Decken und Tücher für die Wurfkiste zu reichen.

Die Beine des Züchters sind zwar oft müde, aber stark genug, um mit den Welpen über die Wiese zu rennen und mit ihnen ausgelassen zu spielen.

Die Hände des Züchters werden zwar immer gründlich gereinigt und desinfiziert, sind aber trotzdem oft schmutzig und müffeln, weil er gerade wieder Kot weggemacht hat. Sie sind immer zärtlich gegenüber seinen Hunden und verteilen viele Streicheleinheiten, auch wenn sie von den kleinen Zähnchen der Welpen oftmals Blessuren davontragen.

Die Ohren des Züchters sind manchmal schon flach gedrückt und schmerzend von ausführlichen Telefon-Gesprächen mit potentiellen Welpen-Käufern. Oder sie sind rot vor Anspannung bei einem solchen Gespräch vor Ort. Auf jeden Fall aber sind sie sehr hellhörig, wenn ein Welpe winseln sollte.

Der Schoß eines Züchters ist ein kuscheliger und beruhigender Platz für einen Welpen. Dort kann er friedlich schlafen, nachdem er die Streicheleinheiten genossen hat.

Das Gehirn eines Züchters ist manchmal überstrapaziert. Denn er darf keine Termine verpassen, regelmäßig Rede und Antwort stehen, noch genau wissen, welcher Käufer was wissen wollte und warum, wo dieser herkommt und welchen Anreiseweg er hat oder welche Voraussetzungen es dort für den Welpen gibt und ob und warum es lieber ein großer, kleiner, ruhiger oder aufgeweckter Welpe und Rüde oder Hündin sein soll. Und natürlich auch, wann wer zu Besuch kommen will.

Die Augen des Züchters sind oft sehr müde, wenn er wieder einmal eine ganze Nacht an der Wurfkiste gewacht oder viele Mails am Computer beantwortet hat, aber sie werden hellwach, wenn er ein verdächtiges Fiepen, Winseln oder Bellen von seinen Zuchthunden oder den Welpen hört.

Das Herz eines Züchters muss viel aushalten, denn er gibt bei jedem Welpen ein Stückchen davon mit auf die Reise und es wird gebrochen, wenn man – ohne triftigen Grund - schlecht über ihn redet.

 

Ganz sicher – viele solche Züchter gibt es wirklich – und dann gibt es aber auch die anderen …

 

 

 

Kostenlose Homepage von Beepworld
 
Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite ist ausschließlich der
Autor dieser Homepage, kontaktierbar über dieses Formular!